Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

Märchen als Türöffner

ein Projekt mit Vorschulkindern und Menschen mit Demenz

Die professionelle Geschichtenerzählerin Birgit Hägele führt seit März 2013 jeden Dienstag zehn Besucher der Tagespflege und zehn Kinder aus drei verschiedenen, benachbarten Kitas des TÄKS e.V. auf eine Reise ins Märchenland. Jeden Dienstag besuchen die Kinder die Tagespflege und werden schon von den Senioren erwartet. Beide Altersgruppen sitzen mit der Märchenerzählerin im Kreis, die Kinder auf kleinen und die Senioren auf großen Stühlen.

Birgit Hägele verwandelt den Raum in der Tagespflege mit farbigen Gazevorhängen in ein Märchenzimmer und bringt, jede Woche neu, Zauberdinge aus den Märchen mit: Mal eine goldene Kugel und einen Frosch, mal Feenhüte, Kronen oder Goldtaler. Die Senioren probierten schon Rapunzelsalat und erklärten den Kindern anhand eines kleinen Spinnrades, wie früher Wolle hergestellt wurde.

Der Märchenvormittag beginnt damit, dass die Kinder etwas aus ihrer Welt mitbringen. Mal sind es gebastelte Dinge, Lieder oder auch etwas, das sie im Moment gerade beschäftigt. Häufig haben die Dinge etwas mit dem Jahreskreislauf zu tun. Im Herbst gibt es Blätterbilder, im November Laternen, im Januar gebastelte Schneemänner und zu Ostern Osterhasen oder bemalte Eier. Dadurch bringen die Kinder den Jahreskreislauf  in die Tagespflege und halten die an Demenz erkrankten Senioren in der Gegenwart. Gleichzeitig schaffen sie eine Brücke zur Vergangenheit, zu der Zeit als die Senioren selbst mit ihren Kindern bastelten oder als sie selbst noch Kinder waren. Gerade über ein konkretes Bild, das in die Hand genommen werden kann oder über die Melodie eines Liedes werden Erinnerungen geweckt. Die Lebendigkeit der Kinder ist es dabei v.a., die die Brücke zur Gegenwart als auch zur Vergangenheit der an Demenz erkrankten Senioren schafft. Manchmal kann das auch das Vorführen des neuen Kleides, das Pflaster am Finger oder das  mitgebrachte Kuscheltier sein, was den Senioren ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Und ganz wie Opa und Oma es tun würden, bestaunen die Senioren dann die gebastelten oder gemalten Dinge und hören den Kindern bereitwillig zu.

Bevor das eigentliche Märchen erzählt wird, wird gemeinsam gerätselt. Alt und Jung lieben Märchenrätsel anhand von Märchensprüchen. Märchensprüche sind oft im Langzeitgedächtnis gespeichert und zuweilen haben einzelne Senioren Freude daran, den Kindern die Märchensprüche schauspielerisch vorzuführen.

Dann erzählt Birgit Hägele, märchenhaft verkleidet, ein Märchen der Gebrüder Grimm. Sie erzählt die Märchen mit Hilfe kleiner Klanginstrumente und bezieht beim Erzählen sowohl die Erfahrungen der Senioren als auch die der Kinder mit ein. Auf die Frage, was ein Müller ist, gab es zum Beispiel die logische Kinderantwort: „Jemand, der den Müll wegbringt!“ Solche Situationen führen zu herzlichem Lachen und die an Demenz erkrankten Senioren verlieren ihre Angst, Fehler zu machen. Im Märchen sind die Helden oft Menschen, die nicht ernst genommen werden – die „Jüngsten“, die „Alten“, die „Dummen“. Deshalb bieten Märchen sowohl Kindern als auch den an Demenz erkrankten Senioren eine Fülle an Identifikationsmöglichkeiten. Beide Generationen können ihre Erfahrungen in die interaktive Märchenerzählung einfließen lassen. Kinder lieben es zum Beispiel vorkommende Tiere nachzuspielen, während die Senioren den Kindern mit Hilfe von Gesten handwerkliche Tätigkeiten, die in den Märchen vorkommen, wie melken oder nähen oder hobeln zeigen können.

Wann immer neue Kinder oder neue Senioren in die Gruppe kommen, gibt es kleinere Berührungsängste, die Birgit Hägele v.a. dadurch abbaut, indem sie versucht, eine Verbindung zwischen der Welt der Senioren und der Welt der Kinder herzustellen. Manchmal sind es gleiche Namen, die Brücken bilden oder Hobbies. Rollatoren werden von den Kindern ausprobiert und nach der Märchenerzählung helfen die Kinder dabei, Getränke und Obst an die Senioren zu verteilen. In Vorbereitung des Weihnachtsfestes schmücken Kinder und Senioren gemeinsam den Tannenbaum oder verkleiden sich zu Fasching.

Beide Generationen freuen sich jeden Dienstag auf die Reise ins Märchenland. Die Kinder bringen ihre Lebendigkeit mit und fühlen sich inzwischen heimisch in der Tagespflege. Und der alljährlich stattfindende Elternabend hat dazu geführt, dass die Tagespflege auch auf der Insel bekannter wird und von dort Anfragen kommen. Zudem besuchen die Senioren die Kinder einmal im Jahr in ihrer Umgebung. Das ist möglich, weil der TÄKS e.V. einen barrierefreien Kiezgarten und eine Familienküche hat. Das sind Highlights im Jahresverlauf, da an diesen Vormittagen gemeinsam gefrühstückt wird und die Kinder den Senioren stolz ihre Einrichtungen präsentieren. Dadurch werden die Senioren Teil der Nachbarschaft ganz im Sinne der Leitidee des Nachbarschaftsheimes. Und eines der schönsten Kindergeschenke gab es einmal zum Jahresende: Für jeden der Senioren einen gebastelten Schutzengel für das neue Jahr - wie im Märchen.

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