Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

Ehepartner und Kinder sollen nicht auf sich allein gestellt sein

Tagespflege entlastet Angehörige

AUS DEN NACHBARSCHAFTSINFOS 6/2010

Pflegende Angehörige übernehmen mit ihrem Einsatz eine immer größere Verantwortung in der Gesellschaft – und brauchen dementsprechend auch selbst immer mehr Unterstützung. Die Tagespflege in der Cheruskerstraße richtet sich darauf ein. Sie betreut Pflegebedürftige an einem oder mehreren Tagen in der Woche und entlastet damit die häuslichen Pfleger/innen, die sonst oft mit ihren kranken Partnern in ihren Wohnungen auf sich gestellt sind. Außerdem baut die Tagespflege die Angehörigenarbeit aus. Jeder soll sich an sie wenden können.

Eben das schätzt auch Gerhard Lody, der hier in der Cheruskerstraße ein und aus geht. Lody ist 75 Jahre alt und ein umtriebiger Mann. Seit bald sechs Jahren pflegt er seine an Alzheimer erkrankte Ehefrau, außerdem ist der ehemalige Schöneberger Postbeamte noch als ehrenamtlicher Berater im Sozialwerk der Verdi-Gewerkschaft aktiv. Helfen war immer sein Metier, sagt er. Und bald drei Jahre lang ist seine Frau nun auch schon Besucherin der Tagespflege des Nachbarschaftsheims, erst in der Cranachstraße, und seit 2009 in der Cheruskerstraße. „Drei Mal in der Woche ist sie da, hier ist sie gern“, sagt Lody. „Uns beiden gibt das sehr viel Kraft. Sie fühlt sich wohl und mir schafft es etwas Luft. Dadurch kann ich umso entspannter meine Aufgabe zu Hause erfüllen.“ Die Stärke der häuslichen Pflege hänge schließlich stark von der Stärke des Pflegenden ab, heißt es oft, und Gerhard Lody kann das nur bestätigen. „Ich packe es alles schon noch“, erläutert er, „nur hätte ich eben ohne die Tagespflege gar keinen Freiraum.“ Und damit keine Chance, selbst Kräfte zu sammeln.

Regelmäßig tauschen sich Angehörige aus

Genau das macht Gerhard Lody dann zum Beispiel, indem er seine anderen ehrenamtlichen Aufgaben betreut. Immer hilft er irgendwo aus. Seit neuestem ist er auch Fürsprecher der Angehörigen in der Tagespflege. Ein Ansprechpartner also für andere Familienmitglieder und genauso für die Leitung des Hauses. Gerade gab es zum Beispiel wieder ein Treffen der Angehörigen in der Tagespflege, acht Frauen und Männer kamen zum Erfahrungsaustausch zusammen. „Es ist sehr hilfreich, sich gegenseitig einmal aus dem Alltag erzählen zu können“, sagt Gerhard Lody. Einfach zuzuhören oder selbst einmal etwas loswerden zu können. Diese Form der Angehörigenarbeit wolle die Tagespflege in Zukunft verstärken, sagt die Leiterin der Einrichtung, Kerstin Hupe. Auf einen engen und persönlichen Kontakt mit den Partnern/innen zu Hause, den Kindern oder Betreuern setzt sie ohnehin seit jeher, diese Bemühungen der Tagespflege stellen viele, die sie kennen, als besonders heraus. Aber wenn die Angehörigen sich auch untereinander stärkten, dann erhofft Kerstin Hupe sogar auf einen weiteren positiven – und nachhaltigen - Effekt. „Das kann unsere Sache nur noch weiter bekannt machen“, sagt sie.

Denn bislang sei unter pflegenden Angehörigen noch viel zuwenig Wissen vorhanden, dass es Einrichtungen wie die Tagespflege gibt und dass die zeitweilige Betreuung von Pflegebedürftigen, ja selbst sogar schwersten Fällen, dort möglich ist. „Bevor sich Ehepartner oder Kinder zu Hause völlig überlasten und dann selbst nicht mehr können, müssen sie von diesen Möglichkeiten erfahren“, merkt Gerhard Lody an. Vor allem könnten sie dann praktisch erleben, dass die Finanzierung dieser Aufenthalte durch die Pflegekassen gesichert sei und dass die Anträge dazu gewiss keine bürokratische Überforderung darstellten. Ganz im Gegenteil: Das Prozedere wurde in jüngster Zeit sogar erheblich vereinfacht. Und trotzdem bliebe es oft dem Zufall überlassen, wie die häuslichen Privatpfleger/innen auf eine Einrichtung wie die in der Cheruskerstraße stoßen können. „Es ist zudem wichtig, dass man sich als Angehöriger traut, unsere Hilfe in Anspruch zu nehmen“, sagt Kerstin Hupe. Vor allem rechtzeitig, fügt sie noch an, und nicht erst, wenn es zum Beispiel zu Hause gar nicht mehr geht und nun schon sozusagen hektisch nach einem Notfallplan gehandelt werden muss.

Viele gemeinschaftliche Aktivitäten

Eine aktivierende Betreuung und Pflege bietet das Team in der Cheruskerstraße an, 18 Besucher/innen sind pro Tag da. Viele kommen mehrmals in der Woche, einige nur einmal, je nach Vertrag. Alle leben hier bis 16 Uhr wie in einer Wohngemeinschaft zusammen, die Räume sind groß und hell, es gibt außerdem einen Garten. Gemeinsames Kochen und Essen, Bewegungsübungen, Spiele und Spaziergänge stehen immer auf dem Programm. „Meine Frau mag die Musik, die oft gespielt wird, sehr“, sagt Gerhard Lody. Zwar kann sie angesichts ihrer fortgeschrittenen Demenz an vielen gemeinschaftlichen Aktivitäten nicht teilnehmen, aber dennoch mag sie die Atmosphäre unter Menschen. „Es ist hier wie bei uns zuhause: Mit Ruhe und Geduld und Liebe geht es“, erläutert Lody. Ihn entlastet es außerdem sehr, dass seine Frau hier auch gleich ihre krankengymnastischen Behandlungstermine der Woche absolvieren kann. „Der Therapeut holt die fortlaufenden Verordungen des Arztes sogar selbst ab, nicht einmal darum muss ich mich kümmern.“

Wissen hilft dabei, Belastungen auszuhalten

Auch Andreas D., der bereits im Jahr 1999 die Tagespflege für seine demenziell erkrankte Mutter entdeckt hatte, lobt die Hilfestellungen, die er und seine Mutter dort erfahren haben. Sie lebt bei ihm zu Hause, an mehreren Tagen jedoch kommt sie in die Cheruskerstraße. Als pflegender Sohn, der sich bereits in jungen Jahren in diese Rolle hinein finden musste, kann er alle Anstrengungen, ein Netzwerk für Angehörige zu schaffen, nur unterstützen. Bildung ist demnach die beste Rückendeckung. Im Rückblick beschreibt er seine Rolle ganz präzise und beeindruckend: „Ja, in den vergangenen 12 Jahren bin ich in die Pflege hinein gewachsen – habe mit über diverse Symposien, Angehörigengruppen, Vorträge, Informationsabende, Gespräche und das Internet wichtige Grundlagen angeeignet. Jetzt behaupte ich, dass das Wissen der Schlüssel dazu ist, an den Aufgaben eines pflegenden Angehörigen nicht zu zerbrechen. Die Liebe zu einem Menschen und die Bereitschaft, jemanden zu pflegen, bilden die wesentliche Grundlage, aber die einzige Waffe gegen die ungeheuerliche Belastung ist das Annehmen der Tatsache, die Toleranz und das Wissen.“